Selbstbildnis um 1800

 

Sechstes Gespräch mit Goya.

Draußen sah es trostlos aus, Februarwetter. Pinsel und Palette waren unberührt. Goyas Blick hing an den Meisen, die Kerne vom Fensterbrett pickten.

„Sie sollten in die Stadt gehen und Menschen sehen. Das bringt Sie auf andere Gedanken!“, sagte ich.

„Was soll ich dort! – Ihr seid so langweilig: Ihr seht alle gleich aus.“

„Im Gegenteil! So weltoffen und lebendig waren wir noch nie“, erwiderte ich etwas verstimmt, „Wir sind ein buntes Volk geworden. So viele Nationalitäten! So viele Sprachen!“

Goya hauchte auf die Fensterscheibe. Als die Vögel davonstoben, antwortete er: „Sie wissen gar nicht, was ‚bunt’ ist. Damals leuchtete die Welt! Die Städte von heute sind zementgrau. Die Leute haben glatte Gesichter, ja. Keiner hungert, keiner lacht. Alle in gleichen formlosen Jacken. Und an den Beinen Jeans. – Selbst bei den Türkenmädchen sehen Jeans und Turnschuhe unter den langen Mänteln hervor. –

Wie ich mich nach meinem Saragossa sehne! Ich meine MEIN Saragossa. Damals. Sei es nur ein verbogenes altes Weiblein, in ein Fransentuch gehüllt, ein finsterer Schmuggler mit Stiefeln, mit Dolch und Krempenhut, ein Edelmann in Gold und Spitzen zu Pferd oder ein Mönch, schmutzig und barfuß mit seinem Bettelsack. Ein fremdländischer Araber mit Burnus und Turban, mit krummer Nase. Es gibt keine krummen Nasen mehr! Ach, wie vermisse ich das Rauschen bunter Röcke, die Andalusierinnen mit ihrem glühenden Lachen und ihrem Trippelschritt!“

„Wir modernen Frauen definieren uns nicht über Trippelschritte.“

„Und damit ist auch der Charme dahin. Diese unvergleichlichen Frauen meiner Zeit.“  –

„Es gibt mit Sicherheit ebenso so viel schöne Mädchen wie vor 200 Jahren.“

„Ach was. Es gibt keine Frau, die ich heute noch malen würde“, antwortete Goya grob.

Am liebsten hätte ich mich mit ihm gestritten. Ich nahm mich jedoch zusammen und antwortete höflich: „Die Frauen müssen tatsächlich schöner gewesen sein in Ihrer Zeit. Sie treten aus ihren Portraits heraus, duftig wie ein Sommermorgen, zart und anmutig und voller Glanz.“

Goya kratzte sich in den etwas fettigen Locken.

„Die Läuse… was soll man machen“, bemerkte er. Dann nahm er seine Brille ab und putzte sie umständlich mit einem Tuch. Ohne Brille wirkte sein Blick weich und schutzlos.

„Ich sehe mir alle heutigen Bilder an. Ich interessiere mich für meine Brüder im Geiste. Da gehen sie nun alle auf Kunstschulen. Studierte Maler. Sie kennen die Meisterwerke in den Museen. Sie haben so viele Möglichkeiten. Und das Ergebnis? Eintönig. Fast immer frage ich mich: ist das Malerei? Oder ist es Masche? Sie beherrschen ihr Handwerk nicht mehr, wie wir damals. Handwerk muss sein, es ist die Erdung für die Kunst.“

„Sie meinen, sie sind Köche von Beruf, können aber nur ein Gericht?“

„Ja, so meine ich es. Wir, wir fingen als halbe Kinder an, in unserem Metier zu arbeiten. Davon abgesehen lernten wir wenig. Was habe ich schon gelesen zu Lebzeiten! Das Atelier war unsere „Bildung“: Leinen spannen, grundieren, Farbbrocken in Mörsern pulverisieren – stellen Sie sich vor, sogar Edelsteine haben wir zu Farben zerrieben. Alles musste täglich frisch mit Öl und Harz zu Paste verarbeitet werden… Es gab ja keine Tubenfarben … Eine köstliche Arbeit, dazu der Geruch nach Terpentin und Öl …. Fast noch Kinder, waren wir bereits nützliche Handwerker. Bald schon waren wir über das Denken hinaus … Solange man noch Gedanken an die Technik verschwenden muss, ist man ein Stümper.“

Goya belebte sich.

„Auch am Tage war es im Atelier nicht richtig hell. Fensterglas war ja so teuer. Schattige Ecken, aus denen ein Krug oder ein Tuch hervorleuchtete. Und das wunderbare Kerzenlicht. Ich malte gern mit Kerzenhaltern auf dem Hut, wissen Sie. – Ein bräunlicher Bolusgrund, darauf eine Kreideskizze … hauchdünner Farbauftrag, mit den Fingern vertrieben. – Mit der Farbe werden die Proportionen aufgebaut, die erste Körperlichkeit hebt sich aus der Fläche heraus. Man ahnt schon die Tiefe der Augen. –

Antonia ZarateUnd wieder vertreibt man den nächsten Hauch von Farbe, vertieft die Schatten. Man verschönt ein wenig, begradigt das Näschen, lässt Pockennarben verschwinden und erntet leuchtenden Dank. Was für ein Beruf. Damals.“

„Da entwickelte sich doch sicher eine, wie soll ich sagen – transzendentale – Beziehung, zu dem Modell?“

Goya lachte. Sein Gebiss war tadellos.

„Ach“, sagte ich überrascht, „fehlten Ihnen nicht einige Zähne?“

„Etwas wollte ich von der heutigen Zeit ja auch profitieren. Es war ein begnadeter Zahnarzt. Allerdings war er ziemlich teuer, ich musste zwei Goldstücke hergeben. – -Natürlich war ich bei meinen Portraits fast nie verliebt, das wollten Sie doch fragen. Da bringt man nämlich nichts Vernünftiges zustande. “

Er nahm die Palette auf.

„Sehen Sie, mit diesem Tupfer bringe ich Leben in den Mundwinkel. Und hier noch etwas bräunlicher Glanz. Und bitte für jede Farbe einen eigenen Pinsel. Nehmen Sie einfache Farben, kein Geschmier. Auch eine Mischung muss rein sein!“

„Wie meinen Sie das?“

„Nehmen Sie alle Farben, die Sie haben, und manschen Sie sie zusammen. Was kommt heraus? Hässlichkeit.“

Goya nickte mir zu, ging zur Staffelei und vergaß den Rest der Welt.

(Goya, Selbstportrait mit Augengläsern, um 1799, Musée Bonnat, Bayonne; Portrait der Antonia Zarate, Nat. Gallery, Dublin, Ausschnitt)